Die großen Bäume. Eine Juno-Novellette.

Paul Scheerbarth

 Paul Scheerbart

Die großen Bäume tasteten mit ihren langen Astarmen immer heftiger in der Luft herum und konnten sich gar nicht beruhigen; sie wollten durchaus wissen, was sie einst waren, als sie noch nicht Astarme hatten.

Der Asteroïd Juno war eine dicke runde Scheibe – so wie ein großer irdischer Eierkuchen sah er aus; der Durchmesser dieses Kuchens betrug noch nicht einmal zweihundert Kilometer, dick war er nur in der Mitte, den Rändern zu wurde er immer dünner.

Die Juno wurde nur von riesig großen Baum-wesen bewohnt, deren Wurzeln sich in der Mitte des Sterns durcheinanderschlangen. Sehr hoch ragten die Bäume in den Äther hinauf – in der Mitte fast hundert kilometer hoch – sowohl nach der einen Kuchenseite wie nach der andern. Aber nach dem Kuchenrande zu wurden die Bäume immer kleiner, so dass der ganze Stern aus der Ferne gesehen doch den Eindruck eines Kugelsterns machte. (67)

Die Äste der Baumwefen waren nicht so hart wie die Äste irdischer Bäume; die Junowesen konnten ihre Astglieder so leicht nach allen Richtungen bewegen, als wären’s Klapperschlangen. Viele bewegliche kleinere Schlangenäste ragten aus den Hauptstämmen heraus. Und die Spitzen der Äste hatten an Stelle der Blätter un Blüten sehr komplizierte Tastorgane, mit denen die Junonen unfäglich viele Dinge in der Luft und im Äther wahrnahmen – auch weit entfernte, so dass irdisches Auge und Ohr gar nicht entbehrt wurde auf der Juno.

Wenn die Junonen zu einander sprachen, so vernahm man natürlich nicht helle Töne wär’ ein Ohr dagewefen, es hätte nur ein leises Knistern unter den Baumrinden bemerft. Trotzdem verständigte man sich auf der Juno sehr schnell und ohne Mühe. In den höheren Zweigen der Baumriefen bildeten sich oft, wenn es der Junone wollte, umfangreiche Luftballons; wie Blüten sahen sie aus, und sie hoben den Zweig rasch empor – oft viele Kilometer hoch – in ein paar Sekunden.

Die Luftballons leuchteten, als hätten sie elektrisches Licht in sich; aber das Leuchten sahen die Junonen nicht, da sie ja keine Augen hatten. (68)

Die Denkorgane saßen in den Wurzeln der Baumriesen.

Und mit diesen Denkorganen, die nur unsäglich komplizierte Tasteindrücke verarbeiteten, dachten die Junonen unablässig über ihre Vergangenheit nach: sie waren fest davon überzeugt, daß sie früher ein ganz anderes Leben geführt hatten.

Aber sie konnten sich nicht an das andere Leben erinnern, so viel sie auch suchend mit ihren Astarmen in den Lüften herumtasteten.

***

Außer den Tastorganen besaßen nun die Junonen in ihren Baumrinden sehr viele Poren, die auch Organcharakter und mit irdischen Tiernasen viel Ähnlichkeit hatten.

Die meisten Junonen kümmerten sich nicht viel um ihre Porennasen.

Nur die beiden größten Junonen, die in der Mitte des Sterns fast hundert kilometer hoch ihre Gliedmaßen aufrecken konnten, bildeten ihre Porennasen aus.

Und do sprach eines Tages der große Junone der Mitte zu dem, der sich unter ihm nach der anderen Seite des Sterns auch hundert Kilometer hock aufreckte:

„Lieber Antipode! Mir ist doch so, als wenn mein Erinnerungsvermögen ganz vermandelt wird, (69) wenn ich nur an meine Porennasen denke und die Tastorgane in meinem Astfingerspitzen momentan vergesse.

Da sagte der Antipode, dass es ihm genau so ginge.

Und es knisterte unter ihren Baumrinden.

Und die anderen Junonen wunderten sich über die Lebhafte Unterhaltung in der Mitte des Sternes.

Un dann empfanden die beiden Antipoden in der Mitte der Juno plötzlich einen intensiven Geruch, der sie an etwas Altes – gans Uraltes erinnerte – sie wussten nicht gleich, was es war – aber sie sprachen immer heftiger zusammen, bis zuletzt der eine Antipode in seiner leisen Knistersprache sagte – in den Wurzelrinden knisterte es da – und es wurde fühlbar in der ganzen Juno für jeden Junonen:

Antipode, ich bemerke Bratengeruch in meinen Porennasen.”

Ich auch! Ich auch!” rief der Antipode.

Und alle Junonen näherten ihre Astschlangenglieder der Mitte des Sterns, so dass dieser plötzlich die Form zweier Blumenbuketts erhielt – ein Kegel nach oben und nach unten; der Junorand stand wie eine Manschette ganz leer da.

Bratengeruch!” gings durch alle Baumrinden.

Und es Knisterte überall sehr laut. (70)

Was mag das wohl heißen?” fragten die kleineren Junonen, die nicht weitab wom Rande lebten und gewohnt waren, sehr oft mit ihren Schlangengliedern über den Rand hinüberzufaffen – zur anderen Seite des Sterns hinüber.

Bratengeruch!” sagten die beiden Antipoden der Mitte noch einmal ganz deutlich. Und die anderen Junonen öffneten alle ihre Porennasen und sagten dann nach einer Weile auch:

Bratengeruch!”

Nun entwickelte sich ein derartig lebhaftes Gespräch, dass man viele Stunden hindurch kaum sein eigenes Wort verstehen konnte; natürlich: Worte im irdischen Sinne wurden dabei gar nicht „gesprochen”.

Die Erinnerungen der Junonen hatten plötzlich eine ganz neue Richtung bekommen. Und der ganze Stern wurde immer lebhafter – alle Luftballons glühten wie bunte Blumen, so dass jetzt tatzächlich die beiden Kegel des Sterns wie zwei riesige Blumenbufetts ausfahen.

Und da sagte dann schließlich der eine der mittleren Antipoden – zusammenfassend:

In der Tat, liebe Freunde, wir habens endlich entdeckt; wir sind früher Wefen gewefen, die mit einem sogenannten Maule versehen waren. Und wir haben mit diesem Maule Dinde in (71) uns aufgenommen, die wir Braten nannten. Was diese Braten waren, wissen wir auch: es waren diese Braten andere im Feuer geröftete Lebewegen! Kurzum: wir haben uns früher gegenseitig aufgefressen!”

Ein allgemeines Oh- und Ah-Geknister folgte dieser Rede, und die Junonen bogen sich alle nach dem Rande zu, so dass der Stern nicht mehr wie zwei Blumensträuße wirkte.

***

Die Antipoden in der Mitte ragten hoch in die Lüfte – ganz allein; die anderen Junobewohner hatten sich von ihnen zurückgezogen.

Da vernahmen alle die Stimme des zweiten Antipoden – der sagte laut un deutlich:

Liebe Freunde, so einfach ist die Geschichte doch nicht gewesen. Jeder Baumriese stellte früher ein ganzes Volk vor – mir bestanden asus unfäglish vielen kleinen – winzig kleinen Lebewefen gegenübertraten. Und so kam’s zuweilen zum Bratengeruch. Jetzt merken wir aber, dass diese kleinen Völker alle zusamenn in uns vereint leben – und dass es gar nichts mehr zu bedeuten hat für uns, dass sich unsere kleinen Lebewesen frühermal befehdeten und auch zuweilen einander auffraßen. Jetzt find ja all (72) die Kleinen in uns friedlich vereint, und wir fin durchaus berechtigt, unser früheres Leben für einen kleinen Scherz zu halten”

Danach hörte man auf der Juno ein ganz neus Geknister, das sich wie ein irdisches Lachen anhörte.

Und die Randjunonen fagten:

Unser Leben war früher ein kleiner Scherz. Es ist durchaus bedauerlich, dass wir unser jetztiges Leben nicht zu einem großen Scherz gemach haben.”

Oh,” tönte es da aus der Mitte heraus, „das können wir nachholen.”

Und sie holten es folgendermaßen nach: Sie erinnertensich an ihr früheres Leben, in dem sie ganze große Völkerscharen vorstellten, imeer deutlicher, und es kam allen immer wieder das damalige Leben mit all dem Hass – all der Wildheit und Gegensätzlichkeit – sehr spaßhaft vor. Und man konnte sich auf der Juno gar nicht darüber beruhigen, dass mann früher das ganze Leben mit all dem Zwift, Eifer und Bratengeruch so ernst genommen hatte.

Nehmen wir auch nicht unser jetziges leben als Baumriesen, deren Wurzeln ganz harmonisch durcheinandergeschlungen sind, abermals zu ernst?” (73)

Also fragten sehr viele Junonen.

Und sie wiesen auf ein späteres Leben hin und ermahnten alle, doch ja das, as sie erlebten, recht fest in der Erinnerung zu behalten, damit nicht später abermals solche langen Zeiten des Suchens entstünden. Es könnten doch später auch wieder Zeiten der Uneinigkeit entstehen – und da wär’s doch so wichtig, wenn auch die Zeiten der Einigkeit fest in der Erinnerung haften blieben. Hauptfächlich dürfe man das Scherzhafte in allen Dingen ja nicht vergeffen.

Es ist aber auch wirklich furchtbar drollig,” meinten da wieder die Randjunonen, „dass es früher so viele Gegenfätzte in uns freundlich wieder vereint haben, merken wir gar nicht mehr, dass sie ‘mal was Feindliches gegen einander hatten. Man kann so vollkommen auch im Andern leben, dass der Andere gar kein Anderer mehr für uns ist. Unsere Antipoden sind uns so vertraut. Wir glauben, dass wir bald alle zusammen nur ein eiziges großes Gesamtwesen sein werden”

So schnell geht das nicht!” meinten danach die Antipoden der Mitte.

Es wäre auch schade,” bemerkten dazu einige andere Junonen, „wenn wir unsern gegenwär(74)tigen harmonischen Zustand nicht genügend auskosten könnten.”

Und alle Junonen lebten ruhig weiter als erinnerungsvolle Baumriesen, und das

Knistern unter ihren RInden klang oft sehr hell und luftig. (75)

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Paul ScheerbarthPaul Scheerbart (1863-1915) was an essential—and eccentric—influence on German modernism. His fantastic tales and drawings are as delightful as they are visionary, and after long English-language neglect, several new translations of his work will be appearing in English this year.


Published on November 18th of 2013 in Guest Languages, Time Regained.



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